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Markus H. Schiml: Ein Gespenst kehrt zurück - droht ein neuer Inflationszyklus?

Shortpapers in Economic Theory and Policy, 2. Jg. 2008, Nr. 4

Lange Zeit wurde nicht mehr über Inflation gesprochen. Nach den Erfahrungen der Ölkrisen in den 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre kam es zuletzt nach der deutschen Wiedervereinigung zu allgemeinen Preissteigerungen, als der Konsumboom aus dem Osten Deutschlands einsetzte. 2003 wurden zwischenzeitlich sogar Deflationsängste laut, nachdem die Technologieblase geplatzt ist und die Folgen der US-Kriegsfeldzüge die Aktienmärkte global unter Druck setzten. Aber das Inflationsgespenst scheinen die Währungshüter der Industriestaaten seither blendend unter Kontrolle zu haben. Weltweit sanken die Inflationsraten seit den 1970er Jahren ständig. Wie folgende Abbildung für den Durchschnitt der OECD-Staaten (ohne Türkei) zeigt, stiegen diese allerdings jüngst leicht an.


Ungewichteter Durchschnitt der Inflationsraten der OECD-Länder (ohne Türkei) (1960-2006)

Auf den ersten Blick wirkt dies wenig bedrohlich. Auch wenn das Phänomen der „gefühlten Inflation“ die breite Masse schon seit der Euro-Einführung im Jahre 2002 beschäftigte, schlug der offizielle Inflationsindex erst später an. Spätestens seit den offiziellen Statistiken von 2007 scheint auch die bisher sehr zuverlässige EZB mit ihrem Inflationsziel von zwei Prozent ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzten. Die Inflationsraten liegen nämlich nachhaltig darüber. Aktuell 3,6 Prozent. Und für Deutschland wurden für Mai 3,0 Prozent auf Jahresbasis gemessen. Hinter den Inflationsraten der US-Notenbank braucht man sich wahrlich nicht zu verstecken. Denn dort liegen die Preissteigerungsraten dauerhaft viel höher.

Gemeinhin wird die jüngste Inflation auf die Turbulenzen beim Ölpreis sowie der hohen Nachfrage für nachwachsende Rohstoffe und Industrierohstoffe zurückgeführt. Das ist sicherlich der eine Teil der Wahrheit.

Geht man in die Untiefen der ökonomischen Inflationstheorie, so findet man aber einhellig, dass Inflation langfristig betrachtet, ein monetäres Phänomen ist. Das heißt nichts anderes, dass die Preissteigerungsraten von der Geldversorgung einer Volkswirtschaft und in Zeiten der Globalisierung auch von der Weltliquidität abhängt. Der Nationalökonom Ludwig von Mises (1881-1973) definiert Inflation sogar als Geldmengenerhöhung, die über die Sozialproduktsteigerung hinausgeht, verwendet aber den Begriff „Boom“, um Missverständnisse zu vermeiden. Zieht man die Ergebnisse von 60 Staaten im Zeitraum 1960-2003 heran, so wird deutlich, dass die durchschnittlichen Inflationsraten in der Tat umso höher sind, je größer die Geldmengenerhöhung ist.

Korrelation des 45-Jahresdurchschitts von Inflation und Rate der Geldmengensteigerung (M2) in 64 Staaten (1960-2005).


Betrachtet man den Verlauf  der Inflationsraten und des Geldmengenwachstums der Vereinigten Staaten ab 1875, so wird diese Theorie bestätigt. Die Fünfjahres-Durchschnittsbetrachtung zeigt einen nahezusimultanen Gleichlauf.

Allerdings liegen die Geldmengenwachstumsraten bereits seit Mitte der 1990er - vor allem in den Vereinigten Staaten aber auch in Europa -  dauerhaft höher als die Sozialproduktsteigerungen. Demnach sollte die Inflation bereits seit längerer Zeit wesentlich höher liegen.

Fünfjahresdurchschnitte von Geldmengenwachstum und Inflation in den USA (1875-2004).


Was bedeutet aber nun langfristig? Sicherlich ist der Zeitraum seit den 1990ern lange genug. Aber wo bleibt nun die große Inflation? Einerseits könnten der enorme internationale Wettbewerb und die fortschreitende Globalisierung die Preissteigerungen in Zaum halten. Zum anderen wurden und werden Dollar, D-Mark und Euro vielerorts außerhalb des eigentlichen Währungsraumes als werthaltige Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel und Parallelwährung verwendet. So fließt Kaufkraft ab und mindert den Inflationssog im betreffenden Binnenraum. Zusätzlich sollte das höhere Renteneintrittsalters, die Globalisierungsangst, steigende Abgabenlasten und die zunehmenden Eigenverantwortung bei der Alters- und Gesundheitsvorsorge ehr Unsicherheit und Kaufzurückhaltung fördern. Weiterhin bietet das Internet immense Möglichkeiten für Preisvergleiche und erhöht zusätzlich den Wettbewerbsdruck auf Löhne und Preise. Und schließlich spricht man an den Vermögensmärkten wie Aktien, Anleihen, Immobilien oder jetzt den Rohstoffen schon länger von Blasen. Und diese hohen Preise könnten auch nur ein Inflationsphänomen darstellen. Denn wenn die Nachfrage in diese Märkte fließt, sind Verbraucherpreise weniger betroffen. Das Geld scheint in diesen Vermögensmärkten „geparkt“ zu werden, bevor es langfristig wieder in Verbrauchsgüter umgesetzt wird und die Inflation anheizen.

Betrachtet man noch langfristigeres Datenmaterial, so wird unverkennbar bestätigt, dass Inflation in genau solchen Zyklen erscheint. So zumindest für die historisch gut aufgezeichneten Preisstatistiken der USA und Großbritanniens.

Fünfjahresdurchschnitte der Inflation in Großbritannien und der USA (1755 bzw. 1805-2004).

Für beide Länder gelten in dieser Funfjahresdurchschnittsbetrachtung, dass in beiden Ländern der Inflationszyklus dauerhaft ist und sich die Zyklen beider Volkswirtschaften im Laufe der Zeit immer stärker angleichen. Letzteres sollte an der zunehmenden Globalisierung auszumachen sein, die auch einen Gleichlauf bei geldpolitischen Entscheidungen initiierte. Bleibt das Rätsel, warum die Inflationsgeschichte überhaupt in Zyklen auftritt?

Um eine mögliche Antwort zu finden, soll in folgender Abbildung über den geglätteten Inflationsverlauf die geglätteten Steigerungsraten des KGV des S&P 500 gelegt werden.

Zehnjahresdurchschnitte von US-Inflation und KGV-Veränderung des S&P 500 (1891-2004).


Es überrascht, dass sich die beiden Kurven nahezu gegenläufig bewegen. Das spricht wiederum für die Hypothese, dass sich die Kaufkraft wechselweise in den Vermögens- und danach wieder bei den Verbrauchermärkten manifestiert.

Das würde bedeuten, dass der  KGV-Rückgang nach den Turbulenzen an den Aktien und Immobilienmärkten, bereits eingetreten ist. Es sollte dann nur noch eine Frage der Zeit sein, dass der Verbraucherpreisindex nach den gestiegenen Produzentenpreisen als nächstes reagiert.

Wie handelt nun der Anleger in einem solchen Inflationsszenario? Das kommt natürlich darauf an, ob es zu einer zunächst unwahrscheinlichen Hyperinflation oder zu niedrigen zweistelligen Inflationsraten wie während den Ölkrisen kommt. Klassisch stehen dabei Sachwerte wie Immobilien oder physisches Edelmetall an erster Stelle. Zumindest dann, wenn man sicher gehen will. Dann macht es Sinn, den Lehrbuch-Edelmetallanteil im Depot von grundsätzlich 5 Prozent noch zu erhöhen.

Aktien sollten sich in einem inflationären Umfeld auch positiv entwickeln. Vor allem fallen weniger Kosten für Lagerung und Kauf an. Allerdings sollte die reale Wertsteigerung betrachtet werden. Und die war in den großen Inflationsphasen der Vergangenheit negativ. Für den Extremfall, dass auch Banken- und Versicherungen bei einer gleichzeitigen Ausweitung der Subprime-Krise vor Insolvenzen nicht geschützt sind und andere Branchen angesteckt werden, ist beim Kauf auf große Standardaktien Wert zu legen. Denn diese werden langfristig auf dem Aktienmarkt bestehen können.

Will man von der Inflation aktiv profitieren, so bieten sich Rohstoffinvestments an. Allerdings ist hier bei der Auswahl Vorsicht geboten. Minenaktien werden wohl überproportional profitieren, sollte die Rohstoffhausse weiter gehen. Hier sind aber hohe Volatilitäten zu erwarten. Das ist nichts für schwache Nerven. Breit diversifizierte Rohstofffonds sind hier Alternativen.

Bei Anlagen in Zertifikaten kann grundsätzlich auf nahezu alle Rohstoffe gesetzt werden. Allerdings sollten Rollverluste bedacht werden, die bei Rohstoffen anfallen, deren Preise sich nur über den Futurhandel bilden und steigen. Hier sind zukünftig erwartete Preissteigerungen häufig bereits im Kurs des Zertifikats eingepreist und die Gewinne werden dann geringer ausfallen als die tatsächlichen Kurssteigerungen erwarten lassen (Contango). Umgekehrtes gilt natürlich bei fallenden Kursen. Dann würden Anleger davon profitieren (Backwardation). Aber hier gibt es auch schon Produkte, welche eine Optimierung anstreben. Schließlich gilt zu bedenken, dass Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind. Und sollten Unternehmenspleiten eintreten, sind die Emittenten und letztlich auch die Anleger nicht ganz gefeit.


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