Holger Koch - Was ist und wozu Wettbewerb?
Shortpapers in Economic Theory and Policy, 1. Jg. 2007, Nr. 1
Jeder, ob man nun Radio hört, Fern sieht, Zeitung liest oder im Internet seine Kreise zieht, wird alltäglich mit Nachrichten konfrontiert, die eine wirtschaftlichen Zusammenhang aufweisen und in denen es um wettbewerbliche Sachverhalte geht. Häufig wird Wettbewerb als etwas dargestellt, dass in manchen Bereichen bzw. an sich beschränkt oder gar unterbunden werden muss. Aus einer ablehnenden Haltung gegenüber solchen Sichtweisen soll im Folgenden das Wesen von Wettbewerb und seine Rolle in der Evolution aus einer individualistisch-freiheitlichen Sicht beschrieben werden.
Definition von Wettbewerb
Damit man von Wettbewerb sprechen kann, sind zwei Voraussetzungen notwendig: Zum einen muss die Situation von der Knappheit einer Ressource[1] gekennzeichnet sein und zum anderen müssen mindestens zwei Subjekte[2] diese knappe Ressource für ein von ihnen angestrebtes Ziel beanspruchen. Die Knappheit lässt nicht zu, dass beide Subjekte ihre Ziele zugleich vollständig erreichen können. Beide Bedingungen sind für das Vorliegen von Wettbewerb notwendig, aber nur bei gleichzeitigem Auftreten hinreichend.
Folgt man dieser Definition von Wettbewerb kann man ableiten, dass Wettbewerb nicht auf die Gesellschaft des Menschen oder dort anzutreffende Märkte beschränkt ist, sondern ein allgemeines Phänomen darstellt. Unter diese Definition fällt die Konkurrenz von Tieren um Lebensraum genauso wie die Konkurrenz von Zellen um für ihr Fortbestehen notwendige Stoffe.
Wettbewerb als fundamentaler Prozess der Evolution
Die Welt unterliegt ständigen Veränderungen. M. a. W.: Sie ist evolutorisch. Diese Veränderungen machen es erforderlich, dass sich die in ihr lebenden Subjekte an die immer wieder neu entstehenden Sachverhalte anpassen müssen, um die Erreichung ihrer angestrebten Ziele bestmöglich sicher zu stellen zu können. Aufgrund dieser ständigen Variationen der Rahmenbedingungen stellt sich die Frage, wie die Zuteilung der jeweils knappen Ressourcen erfolgt bzw. wie die Subjekte selektiert werden, die zum Zuge kommen. Hier ist der Wettbewerb als fundamentaler Prozess der Evolution die Antwort.
Um diese abstrakten Gedanken greifbar zu machen, soll dieser Evolutionsgedanke mittels einer Kategorie beschrieben werden, die dieses Verständnis von Wettbewerb über die Grenzen der verschiedenen Wissenschaftszweige konsistent anwendbar macht: Wissen.
Altes Wissen wird durch neues Wissen im evolutorischen Selektionsprozess entwertet. Neues Wissen behauptet sich im evolutorischen Selektionsprozess allerdings nur, wenn es zu besseren Problemlösungen führt als das alte Wissen. Es hat jenes Subjekt im Wettbewerb einen Vorteil, das über besseres Wissen über die Wettbewerbssituation verfügt als das konkurrierende Subjekt. Der (Miss-)Erfolg eines Subjekts im Wettbewerb wird folglich durch dessen (Un-)Fähigkeit bestimmt sich Wissen anzueignen. Es behaupten sich die Subjekte im Wettbewerb, die sich Wissen, bezüglich des Umfangs und der Geschwindigkeit, im Vergleich zu ihrer Konkurrenz relativ besser aneignen, testen und aus dem getesteten Wissen das für die individuelle Zielerreichung am besten geeignete Wissen selektieren.
Wettbewerb in der Gesellschaft - Besonderheiten
Die Ökonomik als Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit hochgradig organisierten sozialen Phänomenen innerhalb der Gesellschaft und hat es dabei mit inhärent komplexen Phänomenen zu tun. Eines dieser komplexen Phänomene ist der Mensch selbst. Man kann das zukünftige subjektive Wissen eines Menschen wegen seiner Fähigkeiten des Lernens und Kommunizierens sowie der Kreativität seiner kognitiven Prozesse nicht vorhersagen. Deswegen sind seine zukünftigen Handlungen bei Abwesenheit jeglicher institutioneller Regelungen nicht antizipierbar.
Um dies zu verdeutlichen soll das Beispiel einer Robinson-Welt herangezogen werden. Ausgangspunkt dieser Robinson-Welt sei Robinson und die Insel mit ihren gegebenen Ressourcen. Robinson und die Insel stellen im Ausgangspunkt eine rechtsfreie Umwelt dar in der Robinson agieren muss, um seine sich gesetzten Ziele zu erreichen. Die Verteilung der Ressourcen auf seine verschiedenen Ziele legt Robinson mittels eines Planes entlang seiner Bedürfnisse fest. Seine Planerfüllung ist in dieser Welt nur insofern von Unsicherheit geprägt, als sich Robinson entweder bezüglich der Menge der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen bzw. Fähigkeiten irren kann oder irgendein nicht vorhersehbares Ereignis eintritt. Es liegt in dieser Welt also Unsicherheit, jedoch kein Wettbewerb vor.
Dies ändert sich in dem Augenblick als Freitag in der Robinson-Welt auftritt. Mit Robinson und Freitag auf der Insel liegt nun eine Konkurrenzsituation bzw. eine soziale Interaktion vor und damit Wettbewerb in der Robinson-Freitag-Welt.[3] Hier wird ein wichtiger Punkt der Komplexität einer Gesellschaft deutlich. Durch Freitags Auftauchen existieren an Stelle eines Planes zwei Pläne, in denen die beiden ihr Streben zur bestmöglichen Befriedigung ihrer jeweiligen Bedürfnisse festlegen. Folglich existiert hier zusätzlich, im Gegensatz zur Robinson-ohne-Freitag-Welt, ein Koordinierungsproblem der vorhandenen Pläne. Durch die entstandene Wettbewerbssituation, liegt, wegen der oben beschriebenen kognitiven Fähigkeiten des Menschen und der daraus resultierenden Unvorhersehbarkeit seiner Handlungen, zusätzlich eine wechselseitige Ungewissheit bezüglich der zu erwartenden Handlungen des Konkurrenten vor.
Treffen Robinson und Freitag nun keine Regelungen, wie sie mit den vorhandenen Ressourcen umgehen wollen, ist das Handeln des anderen zum einen nicht antizipierbar. Zum anderen können die beiden nicht unterscheiden auf welche Ursache eine Abweichung von ihrem jeweiligen Plan zurückzuführen ist. Dies kann nun an oben beschriebenen Fehleinschätzungen[4] liegen, aber eben auch am Handeln des Konkurrenten. Die Situation würde natürlich mit dem Auftreten jedes weiteren Individuums auf der Insel immer undeutlicher und zukünftige Entwicklungen immer schwieriger vorherzusagen.
Konstitutionelle Unwissenheit
Man kann an diesem Beispiel sehen, dass die Umwelt und die Wirkungszusammenhänge des menschlichen Handelns für den Menschen in ihrer Gesamtheit nicht zu verstehen sind. Er müsste aber über eben dieses Wissen verfügen, um erkennen zu können, welche Umstände in welcher Weise sein Handeln beeinflussen. Da er dieses Wissen nicht besitzt, weiß er folglich auch nicht, welche Umstände sein Handeln beeinflussen. Der Mensch sieht sich somit mit der Endlichkeit seines Wissens und der Unendlichkeit seines Nichtwissens über die Umstände - die vergangene, gegebene oder zukünftige Sachverhalte beeinflussen - konfrontiert. Diese Unwissenheit über die Umstände, die das Handeln des Menschen beeinflussen, ist permanent und unheilbar. Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek nennt sie deswegen konstitutionelle Unwissenheit.
Fallibles Wissen und Hypothesentests
Trotz dieser Unwissenheit ist der Mensch bestrebt, seine Lebensbedingungen zu verbessern. Um dies zu erreichen, gibt es laut dem Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Karl R. Popper nur eine zur Verfügung stehende Methode: sich aktiv auf die Suche nach Lösungen zu begeben.Der Unterschied zwischen der Anwendung dieser Methode in der Gesellschaft bzw. im Marktwettbewerb einerseits und beispielsweise der Anwendung der Methode im Bereich von Einzellern andererseits, liegt weniger an Unterschieden bezüglich des Versuchs seine Lebensbedingungen mittels einer Aktion zu verbessern. Vielmehr an der kritischen und konstruktiven Haltung des Menschen bezüglich seiner Irrtümer. Diese kritische Haltung beschränkt sich nicht nur auf Wissenschaftler, sondern trifft auf jeden Menschen zu, da es keine theoriefreie Beobachtung gibt. Robinson und Freitag hinterfragen ihre Theorien und ihr Wissen, aufgrund ihres Eigeninteresses, also kritisch, um ihre Bedürfnisse besser befriedigen zu können. Der Mensch versucht somit ständig besseres Wissen zu erwerben. Der Erkenntnistheorie Poppers folgend, die dieser selbst als fallibilistisch bezeichnete, ist dieses Wissen der Menschen immer ein fallibles Wissen. D. h. das Wissen der Wettbewerber ist niemals sicher bzw. verifizierbar. Es ist nur falsifizierbar.
Aufgrund der sich ständig verändernden Umstände, die das Handeln der Wettbewerber beeinflussen, gibt es für die Erreichung der jeweiligen individuellen Ziele der einzelnen Akteure nicht eine Lösung, sondern es müssen von diesen immer neue Lösungen gefunden werden. Auch die individuellen Ziele an sich unterliegen zumeist im Zeitablauf einer Veränderung. Der Wettbewerbsprozess stellt sich somit als Prozess des ständigen Generierens, Testens, Selektierens und der Verbreitung von Hypothesen heraus. Es besteht zwar prinzipiell die Möglichkeit der Wissensakkumulation, jedoch nur bezüglich der Teile der Umwelt, die sich nicht verändern. Wenn sich die Umwelt verändert, wird das darüber gesammelte Wissen wertlos und es muss neues Wissen generiert werden – der Prozess beginnt somit von neuem. Es kann bei dem beschriebenen Prozess der Wissensschaffung und Wissensverwertung folglich weder von einer permanenten Wissensakkumulation, noch von einer Annäherung an die Wahrheit gesprochen werden.
Wettbewerb als Entdeckungsverfahren
Da die „Daten“ nun einem ständigen Wandel unterliegen, hat der Marktwettbewerb die Aufgabe vorübergehende Tatsachen zu entdecken. Der Nutzen, der durch das Entdeckungsverfahren des Wettbewerbs gestiftet wird, ist ebenfalls vergänglich. Jemand könnte an dieser Stelle nun einwenden, dass der Wettbewerb eine überaus verschwenderische Methode der Plankoordination ist, da die Kosten, die in seinem Verlauf entstehen, beträchtlich sind und der Nutzen vergänglich. Dies wäre aber nur zutreffend, wenn man die Ergebnisse des Wettbewerbs mit einer unrealistischen, idealen Welt vergleicht, in der den Wettbewerbern alle Informationen über die Umstände, die ihr Handeln bestimmen, kostenlos zur Verfügung stehen. Wie oben gezeigt wurde, entspricht dies nicht der Realität.
Aus diesen Ausführungen wird auch intuitiv klar, dass man im Marktwettbewerb keine Aussagen über optimale Lösungen oder gar über ein volkswirtschaftliches Optimum treffen bzw. ein solches vorhersagen oder anstreben kann. Um den ständigen Veränderungen der Rahmenbedingungen aus individualistischer Perspektive Rechnung zu tragen, bedarf es für die Möglichkeit der bestmöglichen Annäherung an die individuellen Ziele der Menschen des Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren.
Literatur:
Popper, Karl R. (1987), Campbell on the Evolutionary Theory of Knowledge, in: Radnitzky, Gerard/ Bartley, William W. (Hrsg.), Evolutionary Epistemology, Rationality, and the Sociology of Knowledge, S. 115–120, La Salle.
Popper, Karl R. (1994), Alles Leben ist Problemlösen, Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, München.
Popper, Karl R. (1995 a), Erkenntnis ohne Autorität (1960), in: Miller, David (Hrsg.), Karl Popper, Lesebuch: ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie, S. 26 – 39, Tübingen.
Popper, Karl R. (1995 b), Evolutionäre Erkenntnistheorie (1973), in: Miller, David (Hrsg.), Karl Popper, Lesebuch: ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie, S. 60–69, Tübingen.
Popper, Karl R. (1995 c), Die Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft (1957), in: Miller, David (Hrsg.), Karl Popper, Lesebuch: ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie, S. 144–153, Tübingen.
Hayek, Friedrich A. v. (1975), Die Anmaßung von Wissen, in: ORDO, Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band 26, S. 12- 21, Stuttgart.
Hayek, Friedrich A. v. (1978), The Theory of Complex Phenomena, in: Studies in Philosophy, Politics and Economics, S. 22–42, London/ Henley.
Hayek, Friedrich A. v. (1994 a), Rechtsordnung und Handelnsordnung, in: Freiburger Studien, Gesammelte Aufsätze, S. 161–198, 2. Auflage, Tübingen.
Hayek, Friedrich A. v. (1994 b), Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, in: Freiburger Studien, Gesammelte Aufsätze, S. 249–265, 2. Auflage, Tübingen.
Hayek, Friedrich A. v. (1996), The Meaning of Competition, in: Individualism and Economic Order, S. 92–106, 8. Auflage, Chicago/ London.
[1] Der Begriff „Ressource“ ist hier nicht auf physische Input-Faktoren für eine wirtschaftliche Produktion begrenzt. Es sollen darunter vielmehr alle Dinge erfasst werden, die irgendein Subjekt benötigt, um ein – bewusst oder unbewusst - angestrebtes Ziel zu erreichen.
[2] Der Begriff „Subjekt“ kann jede zur Konkurrenz um eine oder mehrere Ressourcen fähige Entität in der Welt repräsentieren.
[3] Naturgemäß zumindest um die Ressource Nahrung.
[4] Die möglichen Fehleinschätzungen Robinsons in der Robinson-ohne-Freitag-Welt sind natürlich auch in der neuen Situation von beiden Seiten möglich.