Bruno Bandulet: Das geheime Wissen der Goldanleger
von Kristof Berking
Es gibt viele Fenster, durch die man die Menschheitsgeschichte betrachten kann. Ein sehr erhellender Aspekt ist zum Beispiel die Entwicklung der Energiegewinnung und der Verfügungsgewalt über Energieressourcen. Für unser Zeitalter ganz besonders aufschlussreich ist die Geschichte der Geld- und Finanzordnung, sie bildet den Subtext zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Einen besonders effektiven Zugang zur Währungsgeschichte wiederum liefert die Geschichte des Goldes. So ist es kein Zufall, dass der von dem wohl renommiertesten deutschen Goldexperten, Dr. Bruno Bandulet, seit drei Jahrzehnten herausgegebene Finanzdienst „Gold & Money Intelligence (G&M)“ gleichzeitig einer der besten Hintergrunddienste zu geopolitischen Fragen ist. Auch Bandulets neuestes Buch, „Das geheime Wissen der Goldanleger“, bietet mehr als der Titel verspricht. Die Goldanleger-Perspektive ist ein Fenster hinter die Kulissen des Weltgeschehens.
Was macht Gold so politisch? Es ist aus natürlichen Gründen das ultimative Geld, das Geld, das sich der Markt aussuchen würde. Es ist damit auch der ärgste Konkurrent des politischen Geldes, also des ungedeckten Papiergeldes. Papiergeld aber regiert die Welt. Die gigantische Verschuldung der Staaten etwa, mit der die großen Kriege und Wahlversprechen finanziert werden, sind nur unter den Bedingungen des Papiergeldmonopols möglich, ebenso die von Mal zu Mal größer werdenden Finanzblasen, deren Platzen nicht nur die unmittelbar betroffenen Märkte oder Länder erschüttert. Der Goldpreis ist ein Politikum, weil er – jedenfalls potentiell – wie ein Fieberthermometer über das allgemeine Vertrauen in das herrschende Geldregime Auskunft gibt.
In den letzten Jahren sind zahlreiche Bücher erschienen, die sich mit dem unheilvollen Einfluss beschäftigen, den das Weltfinanzsystem seit Aufgabe des alten Goldstandards am Vorabend des Ersten Weltkriegs auf das Weltgeschehen nimmt. Wertvolles Insiderwissen und eine reiche Zitatensammlung lieferte zum Beispiel der 2005 verstorbene Schweizer Privatbankier und Gold Bug – so nennt man auf Englisch entschiedene Goldbefürworter – Ferdinand Lips mit seinem Buch „Die Gold-Verschwörung“. Leider strotzt dieses Buch von Wiederholungen. Lips hätte besser daran getan, seine lesenswerten Mitteilungen von einem geübten Autor aufschreiben zu lassen. Ganz anders Bandulet. Als ehemaliges Mitglied der Chefredaktionen der „Welt“ und der Zeitschrift „Quick“ ist er offenbar durch eine gute Schreibschule gegangen. Bandulets politischen Hintergrunddienst, „Deutschlandbrief“, den er seit 1995 zusätzlich zu „G&M“ ebenfalls monatlich herausgibt, liest man sich, noch am Briefkasten stehend, in einem Zug durch.
In seinem neuen Buch – es ist nach 1979 und 1984 sein drittes zum Thema Gold – unterscheidet Bandulet zwei „Goldkriege“. Der eine, von 1968 bis 1980, beginnt mit Amerikas Bruch des Dollar-Gold-Einlöseversprechens. Der zweite, von 1996 bis 2001, fällt bereits ins Internetzeitalter, so dass wohl jeder aufmerksame Beobachter des monetären Sektors schon von dem Vorwurf der Goldpreismanipulation etwa durch die Goldleihgeschäfte der Zentralbanken gehört hat. Doch wie ist es überhaupt zu dem Antagonismus, genauer gesagt, der negativen Korrelation von Dollar und Gold gekommen? In seiner stringenten und faktenreichen Darstellung muss Bandulet bis zur „Verschwörung von Jekyll Island“ zurückgehen. Im Gegensatz zu manch anderem bankenunabhängigen Goldexperten oder Finanzdienst-Herausgeber zeichnen sich Bandulets Analysen stets durch eine nüchterne Zurückhaltung gegenüber den unter Systemkritikern beliebten Verschwörungsspekulationen aus. Doch wo eine Verschwörung nachweisbar ist, scheut er sich auch nicht, sie als solche zu benennen. Und das konspirative Treffen führender Wall-Street-Bankiers auf Jekyll Island, auf dem die Gründung des Federal Reserve Systems vorbereitet und damit ein fiat-money-System institutionalisiert wurde, darf getrost als Verschwörung bezeichnet werden.
Als „lender of last resort“ ist es ein wesentlicher Daseinsgrund des FED und anderer Zentralbanksysteme, den Banken aus der Patsche zu helfen, wenn sie es mit der Kreditgeldschöpfung zu arg getrieben haben und ein Bankenrun droht. Zentralbanken sind daher in erster Linie Diener der Banken, gleichzeitig aber auch der Politiker, die von den Banken mehr Geld geliehen bekommen wollen, als reales Kapital (etwa Gold) und einklagbare Zahlungsversprechen (etwa Handelswechsel) vorhanden sind, und die sich daher bei der Einräumung der Konzessionen nicht lange haben bitten lassen müssen. Wie sich diese zu unserer heutigen Geld- und Finanzordnung erstarkten Privilegien, die im Grunde das Straf- und Privatrecht für Geldproduzenten partiell außer Kraft setzen, herausgemendelt haben, das schildert ausführlich Edward Griffin in seinem Buch „Die Kreatur von Jekyll Island“. Es ist 2006 mit dem reißerischen Untertitel „Das schrecklichste Ungeheuer, das die internationale Hochfinanz je schuf“ auch auf Deutsch erschienen und wird von Bandulet – mit leichter Distance – zur Lektüre empfohlen.
Geldsystemkritiker sind stets in der Gefahr, sich bei ihren Prognosen von ideologischen Wunschvorstellungen leiten zu lassen; der Crash steht immer gerade kurz bevor, und der Dollar kann nur noch abstürzen. Die Anlegerperspektive zwingt indes zum Realismus. Bandulet stützt seine Urteile auf solide, volkswirtschaftlich fundierte Analysen, etwa der Zahlungsbilanzen, der „Schicksalsbücher der Staaten“. So erklärt er, unter welchen Bedingungen der Druck auf den Dollar irgendwann auch eine Zeitlang noch einmal nachlassen könnte. Bei Preiskorrekturen am Goldmarkt, die trotz des aufsteigenden Astes, auf dem sich Gold seit 2001 befindet, immer wieder unvermeidlich sind, waren Bandulets Leser in den vergangenen Jahren stets vorgewarnt. Diese Resistenz gegen irreales Wunschdenken bedeutet indes nicht, dass Bandulet dem herrschenden „Finanzkapitalismus“, wie er ihn tituliert, keine eigenen Vorstellungen entgegenzusetzen hätte. Was für einer Geldordnung seine persönlichen Sympathien gehören würden, ist zwar nicht Gegenstand des neuen Buches, aber die positiv zitierten oder ins Literaturverzeichnis aufgenommenen Autoren weisen die Richtung: Roland Baader, Peter Bernholz, Reinhard Deutsch, Wolfram Engels, Thorsten Polleit, Murray Rothbard.
Auch beim Thema Euro weiß er, von seinem persönlichen Engagement zu abstrahieren. Immerhin hatte er Mitte der 90er Jahre politisch aktiv gegen die europaweite Gleichschaltung der Wirtschafts- und Währungspolitik durch den Maastricht-Vertrag gekämpft. Auch in seinen drei Büchern über die EU und ihre Kunstwährung, „Das Maastricht-Dossier“ (1993), „Was wird aus unserem Geld?“ (1997) und „Tatort Brüssel“ (1999) lässt er keinen Zweifel daran, was von der ganzen Veranstaltung zu halten ist. Dennoch meint er, dass man sich, nachdem der Euro nun einmal da ist, sein Scheitern nicht wirklich wünschen könne. Um so schwerer wiegen seine Darlegungen zur technischen und institutionellen Rückabwickelbarkeit des Euro-Systems, eine Option, die man offenbar nicht als vollkommen unrealistisch ausschließen darf. Bisher wisse man nur, dass der Euro unter Schönwetterbedingungen funktioniert. „Wenn es ganz schlimm kommt“, so Bandulet, bleibe auch immer noch die Option, den Euro an das Gold zu binden. Die Notenbanken des Euro-Systems könnten den Goldpreis bei einem realistischen Niveau von etwa 1.000 Dollar oder 850 Euro je Unze fixieren und sich verpflichten, das Metall zu diesem Preis anzukaufen. Damit könnten sie ihre Dollar-Reserven abbauen oder Euros gegen Gold emittieren.
Ein weiteres Kapitel handelt vom „Gold der Deutschen“. Wieviel ist ausgeliehen? Wieviel lagert in den USA? Und was ist dran an der Behauptung, die Amerikaner betrachteten es als eine Art Pfand? Bandulets Nachforschungen zu diesem brisanten Thema, das unmittelbar den Kern der deutschen staatlichen Souveränität berührt, haben in den vergangenen Jahren einiges Aufsehen erregt. Mit den Besonderheiten deutscher Außenpolitik kennt er sich schon lange aus; 1970 debütierte er als Buchautor mit einem wissenschaftlichen Werk über die Außenpolitik Adenauers. DasVorwort dazu schrieb damals Franz Josef Strauß, dem er als Berater diente. Einen fulminanten Vortrag Bandulets über das flüchtige Phänomen der Souveränität Deutschlands und über die Chancen einer deutschen und europäischen Außenpolitik kann man in der Januar-Ausgabe 2007 des „Deutschlandbriefs“ nachlesen.
Jahrzehntelange Erfahrungen sind in seinem neuen Buch auch in den Kapiteln über Finanz- und Edelmetallzyklen und das Innenleben der Goldmärkte kondensiert. Mit diesem „geheimen Wissen“ ist tatsächlich in erster Linie der Goldanleger angesprochen, und zwar der fortgeschrittene. Der Anfänger lernt: Goldanlagen sind nicht nur Inflationsschutz, „Gold ist ein Metall für viele Krisen.“ Die Mutter aller Krisen aber ist die „Schuldenfalle“, womit es gegen Ende des Buches wieder politisch wird. „Kann Deutschland pleite gehen?“, fragt Bandulet und erörtert die relevanten Faktoren vom schrumpfenden Kapitalstock über Pensionsverpflichtungen bis zur demographischen Entwicklung. Der Zeitpunkt, an dem eine Sanierung des Staatshaushaltes noch möglich gewesen wäre, sei wahrscheinlich bereits überschritten, formuliert Bandulet vorsichtig, und verweist auf historische Beispiele, bei denen noch höhere Staatsschulden wieder abgebaut wurden, allerdings nur nach gewonnenen Kriegen, bei fehlenden oder sehr viel geringeren Kosten des Sozialstaats und ohne das Problem einer einbrechenden Geburtenrate. Mit anderen Worten: Die Schuldenfalle muss irgendwann zuklappen. Und was kommt dann? Auch hier beschränkt sich Bandulet darauf, die denkbaren Varianten durchzuspielen. Welche Art von Währungsreform uns schließlich blüht, ist eine Frage der Kräfteverteilung zum Zeitpunkt x und lässt sich seriöserweise nicht voraussagen. Doch der Weg dorthin – das prognostiziert auch Bandulet – führt trotz temporärer deflationärer Risiken über Inflation; dies sei für die Politiker der am wenigsten schmerzvolle Weg. Wie selbstverständlich geht Bandulet dabei von dem richtigen, ursprünglichen Inflationsbegriff aus, schaut also auf die Geldmengenausweitung. Die Preise seien immer nur ein Symptom. Was, davon abgesehen, von den offiziell vermeldeten „Inflationsraten“ zu halten ist – daran lässt er keinen Zweifel. Die amerikanischen Angaben zur Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus sind bekanntlich durch immer neue, windige Berechnungsmethoden manipuliert. Aber auch den offiziellen europäischen Teuerungsraten, erläutert Bandulet, ist nicht zu trauen.
Eines kommt uns in seinem Gold-Buch zu kurz: das Silber, das er als Industriemetall mehr oder weniger links liegen lässt. Unter den Kritikern des derzeitigen Geldsystems hat sich in den letzten Jahren jedoch auch ein Typus des Silver Bugs herausgebildet. ef-Autor Reinhard Deutsch zum Beispiel war einer. Diese Leute gehen davon aus, dass der Silberpreis in den nächsten Jahren noch viel dramatischer steigen wird als der Goldpreis. Ihre Argumente sind zumindest diskussionswürdig. Die Erwartung dieser Silberanleger beruht unter anderem auf der Annahme einer Remonetisierung des Silbers, was in der Tat einen großen und dauerhaften Nachfrageschub bedeuten würde, so wie umgekehrt die Demonetisierung des Silbers am Ende des 19. Jahrhunderts, als man sich für einen reinen Goldstandard entschied, einen erheblichen Preiseinbruch des Silbers zur Folge hatte.
Gerade wenn man nicht an die eine große Verschwörung glaubt, einen Masterplan, der von einer obersten Instanz des Finanzklerus verfolgt wird, der alles unter Kontrolle hat, sondern richtigerweise annimmt, dass unser fehlgewebtes Geldsystem ein mehr schlecht als recht koordiniertes Produkt verschiedenster Akteure und Interessen ist, gerade dann darf oder muss man damit rechnen, dass die Weltfinanzordnung schlicht außer Kontrolle gerät, wenn das Ende der Fahnenstange erreicht ist. In diesem Fall aber greifen die Menschen zum ultimativen Geld: zu Gold – und eben auch zu Silber. Gold ist das Geld der Könige, Silber das Geld der täglichen Geschäfte. Bandulet selbst weist darauf hin, dass Silber in der Psychologie vor allem der amerikanischen Investoren seine früheren monetären Eigenschaften nicht ganz verloren hat. Man schaue sich in diesem Zusammenhang nur einmal die Website „Silverstockreport“ des Amerikaners Jason Hommel an, der seinen Newsletter an über 40.000 Abonnenten verschickt. Als in diesem Sommer die Hypothekenkreditblase platzte, mussten – jedenfalls in Deutschland – die Händler den Verkauf gängiger Silbermünzen für ein paar Wochen einstellen, „wegen weltweit extrem hoher Nachfrage an Bullion-Silber-Produkten der kanadischen, amerikanischen und australischen Mint und den damit verbundenen Produktionsengpässen“, wie es auf der Website von argentarius.de hieß. Und hat nicht auch China eher eine Silber- denn eine Goldtradition?
Wenn sich durch eine Wiederentdeckung auch des Silbers als ehrliches Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel die Silber-Gold-Ratio zugunsten des Silbers radikal verbessert – heute kauft eine Unze Gold 55 Unzen Silber, zur Zeit des Bimetallismus lag das Verhältnis bei eins zu 15 –, dann relativiert sich auch der Nachteil des schlechteren Gewicht- Wert-Verhältnisses des Silbers. Vor allem aber könnte es sich noch einmal als großer Vorteil erweisen, dass Silber als Industriemetall weniger politisch belastet ist. Denn über dem „politischen Metall“ Gold schwebt immer das Damoklesschwert eines Verbots. Es bedarf keiner großen Phantasie sich vorzustellen, womit eine staatliche und internationale Reglementierung des Goldverkehrs, wenn sie denn von den Herren des Papiergeldes für notwendig erachtet wird, begründet würde: Mit Gold werde der Terrorismus finanziert, wird es dann heißen. Vielleicht hat Bandulet gute Argumente gegen oder auch für die Silberremonetisierungsthese, aber die würden wir eben gerne einmal von ihm hören. Zum Schluss seines neuen Buches landet Bandulet mit Ausführungen zu Amerikas „militärischem Keynesianismus“ und Europas Abhängigkeit vom Schicksal des Dollars wieder beim großen Weltgeschehen. „Das Ende aller Sicherheit“, lautet die Melodie, und Gold ist der Refrain. Das Geheimnis der Lässigkeit, mit der Bandulet in seinen Publikationen das große Bild zeichnet und die Dinge beim Namen nennt, ist seine völlige Unabhängigkeit. Keiner Institution verpflichtet, operiert er stets allein und nur im eigenen Auftrag. Promotion für Minengesellschaften etwa hat er nie gemacht. Nach über 30 Jahren investigativem Wirtschaftsjournalismus schöpft Bruno Bandulet, der dieser Tage 65 Jahre alt wird, aus dem Vollen. Seine Analysen sind, wie es von dem Mineralwasser aus der Werbung heißt, „durch einen tiefen Stein gegangen“.
Internet:
Literatur:
Bruno Bandulet: Das geheime Wissen der Goldanleger – erhältlich über Capitalista: 19,90 Euro. Best.-Nr.: 39385 16522.
Dieser Beitrag erschien im EF-Magazin vom Oktober 2007, Heft 76, S. 31-33.