6. Dezember 2006: „Das Weltwährungssystem vor dem Zusammenbruch?“
Pressebericht: Vortrag von Markus Schiml im LvM-Forum
Den Auftakt der Vortragsreihe des Ludwig-von-Mises-Forums an der Universität Bayreuth machte in diesem Semester Dipl.-Volkswirt Markus Schiml. Der Gründer von campus2 – Institut für ökonomische Bildung hat das Forum im Sommersemester 2006 zusammen mit Thomas Rudolf gegründet. Als Mitveranstalter fungierte die Studierendenorganisation oikos, die sich bereits im Rahmen ihrer Konferenz „Die Zukunft des Geldes – in Zukunft investieren“ im Mai in St. Gallen mit der Problematik eines stabilen und nachhaltigen Währungs- und Geldsystems auseinandergesetzt hatte.
Der Titel: „Weltwährungssystem vor dem Zusammenbruch? – Geldsystemkritik und Reformansätze“ erwies sich attraktiv über die Grenzen von Bayreuth hinaus. Das Publikum setzte sich aus Wissenschaftlern, Studierenden verschiedener Universitäten, Privatanlegern, institutionellen Anlegern und Finanzspezialisten zusammen. Einige der aus ganz Bayern angereisten Besucher hofften wohl darauf, den genauen Termin eines Crashs zu erfahren.
Selbst Wochen später gingen noch viele Anfragen ein, ob ein Skript oder Protokoll der Veranstaltung vorliegen würde. Das Interesse an diesem Thema unterstrich ein Mitschnitt eines Tonfilmers, der extra aus Hamburg nach Bayreuth gekommen war.
Der Vortrag baute direkt auf die beiden letzten Veranstaltungen des Ludwig-von-Mises-Forum mit Fondsadviser und Buchautor Uwe Bergold sowie Prof. Dr. Guido Hülsmann auf, die sich sehr kritisch zur Stabilität des Weltwährungssystems geäußert hatten.
Schiml erklärte, dass in den letzten Jahren die Akzeptanz des aktuellen Wirtschaftssystems aus mehreren Richtungen in starke Bedrängnis geraten. Vor allem das Geld- und Weltwährungssystem ist durch die spekulativen Übertreibungen, die Verschuldungsproblematik der Dritten Welt, die global ebenfalls sehr hohe Staatsverschuldung in den Industrieländern sowie verschiedene Währungs- und Börsenkrisen von Schwellen- und Industrieländern unter sehr starke Kritik geraten.
Markus Schiml, der sich wissenschaftlich mit Geldsystemfragen beschäftigt und in mehreren Magazinen und Büchern darüber publiziert hat, gab zunächst einen Überblick über die gängigen Argumente der Kritiker und systematisierte in zwei Lager: zum einen Sozialisten, Globalisierungsgegner, Mittelständler sowie Wissenschaftler bzw. Praktiker, die sich der österreichischen Tradition um die Geldtheorie Ludwig von Mises oder dem Ansatz von Friedrich August von Hayek verschrieben haben, zum anderen ein Kreis, der sich auf die Lehre von Silvio Gesell (1916) beruft. Weiterhin macht die debitistische Lehre von Paul C. Martin, die verwandte Eigentumstheorie des Wirtschaftens und der neue Wachstumsmarkt des “Islamic Bankings” von sich reden.
Vor allem die Ansätze der austroliberalen Schule und der Freigeldlehre offenbaren liberale Lösungsansätze, die unter freiheitlichen Rahmenbedingungen durchaus Kombinationspotential aufweisen, so der Referent.
Als Gemeinsamkeit ist zweifellos die Skepsis über die langfristige Stabilität des Geld- und Wirtschaftssystems in der aktuellen institutionellen Form zu konstatieren. Während die Anhänger von Mises die Ursache für die ihrer Meinung nach schädliche zu hohe Liquiditätsmenge in erster Linie auf das staatliche Geldmonopol zurückführen und eine Wiederauflegung des disziplinierenden Goldstandards, eines Währungswettbewerbs oder schlicht und einfach in einem Aufbrechen des Geldmonopols des Staates sehen, erachten die „Gesellianer“ das Problem der regelmäßig wiederkehrenden Wirtschaftskrisen in erster Linie am bestehenden Zinssystem, welches zu einer starken Geldhortung verleitet und nur durch ein letztlich ohnehin unmögliches exponentielles Wirtschaftswachstum vermieden werden kann.
Das beide Ansätze bereits einmal sehr gut funktioniert haben, könne man anhand mehrerer historischer Beispiele sehen. So beruft man sich bei Gesell und seinen Anhängern auf historische Beispiele des mittelalterlichen Brakteatengeldes, verschiedene Papiergeldversuche, auf das österreichische Wörgl-Experiment sowie auf die aktuellen Strömungen von erfolgreichen regionalen Währungssystemen auf der ganzen Welt. Auf austroliberaler Seite erinnert man sich in erster Linie an die guten Erfahrungen mit dem Goldstandard und verweist aktuell nach dem Anstieg der Rohstoffpreise auf die Wiederentdeckung des Goldes als Anlage- und Geldform, das seit der Erfindung des Geldes vor mehreren tausend Jahren nichts am Charakter als Krisenmetall verloren habe.
Vor allem das wiedergegebene Zitat von Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital und “ECB-Watcher” überraschte das Auditorium:
„Die Auffassung, Gold werde seine Geldfunktion nicht wiedererlangen, entstammt dem Glauben, der Papiergeldstandard, dem heute alle großen Währungen unterliegen, sei ein ‚sicheres’ Regime. Doch es handelt sich um ein großes Experiment, dessen Ergebnis im Ungewissen liegt. Papiergeld ist ein ‚Schönwetter-Regime’. Dass es eine dauerhaft verlässliche Einrichtung ist, kann daher nicht als gesichert gelten. Die Notwendigkeit, künftig einmal zu einer Edelmetall- bzw. Goldbindung des Geldes zurückkehren zu müssen, kann nicht ausgeschlossen werden.” .
Schiml unterstrich die Aktualität dieser Diskussion durch die Vorträge und Workshops auf der Prague Conference on Political Economy im April 2006, der oikos-Konferenz zur Zukunft des Geldes im Mai 2006 in St. Gallen und den Vortragsthemen auf den Rohstoffmessen in München 2005 bzw. 2006. Das dieses Thema zunehmend auch eine breitere Masse interessiert, sah Schiml unter andrem dadurch bestätigt, dass in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der Ökonomiestudent“ stark auf die letzte Ausgabe reagiert wurde, in der das Thema bereits aufgegriffen worden war und einige Einladungen zu Vorträgen in ganz Deutschland.
Schiml kam am Ende zu dem Schluss, dass das zunehmende Misstrauen der Bevölkerung gegenüber politischen Entscheidungsträgern neben flankierenden Maßnahmen am besten durch den liberalen Ansatz von Prof. Hans Sennholz gelöst werden könne, der in einem liberalem Kontext durchaus Kombinationspotential mit anderen Reformansätzen hat.
Markus Schiml (Mitte), zusammen mit Diskussionsleiter Thomas Rudolf (links) und Dokumentarfilmer Kristof Berking aus Hamburg.
In der anschließenden interessanten und abwechslungsreichen Diskussion wurde auch mit Emotionen nicht gespart, hatte doch der eine oder andere bekannte Wissenschaftler einen weiten Weg auf sich genommen, ohne nun in seiner Meinung bestätigt worden zu sein.
Da sich viele Zuhörer noch nicht mit dieser Diskussion auseinandergesetzt haben, wird der nächste Vortrag das besagte Thema vertiefen, indem die Eigentumsökonomik von Heinsohn und Steiger beschrieben und zur Diskussion gestellt wird.